Theater als Volksempfänger
Sehr geehrte Damen und Herren,
zu Beginn eine Frage: Was verbindet den Dichter Rolf Hochhuth, den
Sänger Konstantin Wecker und den Tatort-Kommissar und langjährigen
Intendanten des Neuen Theaters Halle, Peter Sodann? Die Antwort: die
Sehnsucht nach einer "normalen Nation" und der Hass auf
die USA. Dies lässt zumindest eine
kürzlich erschienene CD vermuten, die am heutigen Tag in Braunschweig,
Halle und Leipzig vorgestellt werden soll. Die CD trägt zwar
den Titel "Befreit! Lieder und Texte nach dem 8. Mai". Schon
auf dem grauenvoll layouteten Cover wird jedoch angedeutet, dass es
Sodann, Hochhuth, Wecker und Co. weder um eine Danksagung an die Alliierten,
noch um eine Kritik des deutschen Vernichtungswahnes, der Volksgemeinschaft
und der Begeisterung der Landsleute für den Nationalsozialismus
geht. Die abgebildete Regenbogenfahne und das Wort "Pace"
– beides bekannt durch die Proteste gegen den Irakkrieg
– deuten bereits an, dass ein Bogen vom Nationalsozialismus
zur aktuellen Politik der USA gespannt werden soll. Hier geht es also
nicht um Antifaschismus, sondern um klassischen Geschichtsrevisionismus.
So fiel Peter Sodann zum 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus,
nichts anderes ein, als den Herausgebern der CD seine Rede gegen den
Irakkrieg zur Verfügung zu stellen und gegen die Vereinigten
Staaten und George Bush zu hetzen. Ähnlich auch Konstantin Wecker
in seinem Begleittext:
"Wo Krieg um Naturschätze ärmerer Völker zur Normalität
wird, findet das Kriegsgeschrei der Nazis vielstimmigen Widerhall."
Die USA, so lautet also die wenig versteckte Botschaft der CD, sind
die Nazis von heute.
Wem aus Anlass der Befreiung vom NS nichts anderes
einfällt, als die Politik der USA zu kritisieren und indirekt
mit den Verbrechen des Dritten Reiches gleichzusetzen, steht nicht,
wie es Wecker, Sodann und Co. immer wieder für sich in Anspruch
nehmen, in Opposition zum Zeitgeist. Er repräsentiert damit
vielmehr das gesunde deutsche Volksempfinden und gibt seiner Verbundenheit
mit Blut, Boden, Volk und Heimat Ausdruck. So behindern die Verbrechen
des Nationalsozialismus – bekanntlich nicht nur Verbrechen an
Massen, sondern auch von Massen – das ungebrochene Bekenntnis
zur deutschen Nation. Wer sich nach 1945 positiv auf Deutschland oder
das "deutsche Volk" beziehen will, ist daher gezwungen,
die deutschen Verbrechen zu leugnen oder zu relativieren. Eine der
derzeit beliebtesten Formen dieser Relativierung ist der Vergleich
der Politik des Dritten Reiches mit der Politik der Vereinigten Staaten.
Wenn sich die Verbrechen der Deutschen schon nicht rechtfertigen lassen,
so scheint dementsprechend auch das inoffizielle Motto der CD-Macher
zu lauten, soll wenigstens niemand besser sein, schon gar nicht die
ehemaligen Befreier. Während sich Wecker
und Sodann noch um die Relativierung der deutschen
Verbrechen bemühen – vor dem Hintergrund des CD-Covers
und den Begleittexten nutzt es auch nichts, wenn Wecker beiläufig
erwähnt, dass der Holocaust mit keinem anderen Verbrechen gleichgesetzt
werden könne –, geht ihr Mitstreiter Hochhuth mit seiner
Liebe zu Volk und Vaterland bereits einen Schritt
weiter: So gab er kürzlich nicht nur der neurechten Zeitschrift
"Junge Freiheit" ein Interview. Er zeigte in diesem Gespräch
zugleich Bewunderung für den Neonazi David Irving. Der in Großbritannien
rechtskräftig
verurteilte Holocaust-Leugner, der in der Bundesrepublik Einreiseverbot
hat, sei ein "Pionier der Zeitgeschichte". Gegenüber
dem Tagesspiegel bekräftigte Hochhuth diese Aussage noch einmal.
Irving, mit dem ihn eine persönliche Freundschaft verbinde, sei
ein "ehrenwerter Mann" und "sehr viel seriöser
als viele deutsche Historiker". Nach verschiedenen Interventionen
distanzierte sich Hochhuth zwar von einigen Aussagen. Er ließ
es sich jedoch nicht nehmen, sich als Opfer eines jüdischen Komplotts
zu präsentieren. Als dessen Drahtzieher vermutete er Paul Spiegel,
den Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland. Spiegel,
der Hochhuth für seine Aussagen kritisiert hatte, sei "der
unanständigste Mensch" seit Hans Filbinger, dem ehemaligen
NS-Marinerichter und früheren Ministerpräsidenten Baden-Württembergs.
Darüber hinaus erklärte Hochhuth, der Publizist Alfred Grosser
habe ihm ein Trostwort zukommen lassen: "Gäbe es in Deutschland
nicht Paul Spiegel, gäbe es dort auch keine Antisemiten."
Grosser dementierte diese Aussage empört; Hochhuth hingegen hatte
mit ihr öffentlich die alte antisemitische Auffassung bemüht,
dass die Juden selbst für den Antisemitismus verantwortlich seien,
dass der Antisemitismus also eine nachvollziehbare Reaktion auf das
Verhalten von Juden sei.
Konstantin Wecker, gemeinsam mit Dieter Dehm Herausgeber
der CD, tut solcherlei Ausfälle verständnisvoll als "Provokation"
ab. Hochhuth, so erklärt er in seinem Begleittext, sei eben "unbequem,
umstritten und streitbar": "Er macht es auch Freunden mit
vielen Aussagen oft nicht eben leicht. Aber haben Zeitgeist und veröffentlichte
Meinung nicht hierzulande doch schon zu viel Provokation erstickt?"
Wenn das Neue Theater Halle "Provokateuren"
wie Rolf Hochhuth, dem Freund und Verteidiger des Holocaust-Leugners
Irving, oder Konstantin Wecker, der es sich im Januar 2003 nicht nehmen
ließ, seine Verbundenheit mit dem faschistischen Baath-Regime
und seinem antisemitischen Diktator Saddam
Hussein durch einen Besuch im Irak zu zeigen, ein Forum bietet, macht
es sich einmal mehr zum Repräsentanten des gesunden deutschen
Volksempfindens. Zwei Beispiele zur Erinnerung: 1. Seit 2002 stellt
das Theater den Mitgliedern der Initiative "Halle gegen Graffiti"
regelmäßig Räumlichkeiten zum Ausleben ihres Verfolgungseifers
und ihres Verlangens nach Sauberkeit, Zucht und Ordnung zur Verfügung.
2. Im Dezember 2001 bezeichnete Intendant Peter Sodann Graffiti als
"ganz gewöhnlichen Faschismus" und verhöhnte damit
gleichzeitig die Opfer des "richtigen" Faschismus –
diese hatten bekanntlich anderes zu erleiden als die künstlerische
Umgestaltung ihrer Hausfassade.
Es ist zu hoffen, dass sich das Theater nach dem Abschied Peter Sodanns
– Sodanns Zeit als Intendant findet Ende Mai glücklicherweise
ein Ende – auch von der Linie Sodann, d.h. von Populismus, vulgärem
Antikapitalismus ("die da oben gegen uns hier unten") und
Solidarität mit den Stammtischen verabschiedet.
Antifaschistischer Arbeitskreis (AfA) Halle,
Mai 2005