Ein mieses Schauspiel: Erinnerung auf Deutsch
In der Dresdner Inszenierung des Peter-Weiss-Stückes
»Die Ermittlung« werden die Unterschiede zwischen Tätern
und Opfern des Holocaust verwischt. Auschwitz wird indirekt mit der
Bombardierung Dresdens im Zwei-ten Weltkrieg gleichgesetzt. Das Staatsschauspiel
liefert damit eine künstlerische Umsetzung der NPD-Rede vom Dresdner
»Bombenholocaust«.
Wenn Filme und Theaterstücke über Auschwitz in Deutschland
auf besondere Begeisterung stoßen, ist Skep-sis angebracht.
Die entsprechenden Werke bedienen zumeist die Ressentiments des deutschen
Publikums, ihre Rezeptionsgewohnheiten, Entschuldungsbedürfnisse
etc. Die Fernsehserie »Holocaust« stieß in den 70er
Jahren auf Begeisterung, weil sie die Verfolgung und Ermordung der
europäischen Juden nach dem Muster einer kitschigen Abenteuerserie
erzählte. Der Film »Schindlers Liste« sorgte für
volle Kinos, weil er in zweifa-cher Weise die Ausnahme zur Regel machte
– d.h. überlebende Juden und den »guten Deutschen«
themati-sierte. Und Roberto Begninis »Das Leben ist schön«
wurde mit Preisen überhäuft, weil er die Möglichkeit
bot, auch öffentlich zu tun, was an deutschen Stammtischen längst
Usus ist: über Auschwitz zu lachen.
Die »Ökonomie der Endlösung«
In diese Reihe fügt sich auch Peter Weiss’ Theaterstück
»Die Ermittlung« ein. Das Werk, das den Frankfurter Auschwitz-Prozess
thematisiert, gehörte in den 60er und 70er Jahren zu den am breitesten
rezipierten zeitge-nössischen Theaterstücken der Bundesrepublik.
Das hat seinen Grund: Die »Ermittlung« ist vom Versuch
ge-tragen, das Unvorstellbare zu rationalisieren. Im Zentrum des Stückes
steht nicht der Verfolgungseifer der Deutschen oder die Erkenntnis,
dass Massenverbrechen »nicht nur die Verbrechen an Massen, sondern
auch von Massen sind« (Eike Geisel). Sondern Weiss reduziert
die Schuld auf Firmen wie Krupp und IG Farben und bemüht sich,
einen Zusammenhang von Ausbeutung und Menschenvernichtung herauszuarbeiten.
Das Lager, so Weiss, ist ein System, in dem »der Ausbeutende
in bisher unbekanntem Grad/ seine Herrschaft entwickeln durfte/ und
der Ausgebeutete/ noch sein eigenes Knochenmehl/ liefern musste«.
Auschwitz wird bei Weiss insofern als verkleinertes Abbild der Gesamtgesellschaft
dargestellt; die Verhältnisse im Lager erschei-nen, wie Gerhard
Scheit kritisiert, als kapitalistische Ausbeutung höheren Grades:
Die Verfolger werden als Vertreter »der Kapitalisten«,
die »Verfolgten und Ermordeten als Stellvertreter des Proletariats
zur Sprache gebracht«.
Um eine solche »Ökonomie der Endlösung« präsentieren
zu können, ist Weiss gezwungen, all das zu ver-schweigen, was
sich seinem Klassenkampf-Schema sperrt – und von ihm erst später,
in der »Ästhetik des Wi-derstands«, zaghaft angedeutet
wird: Er unterschlägt den antisemitischen Wahn, der dafür
sorgte, dass auch die ältesten Juden der abgelegensten griechischen
Inseln nach Auschwitz transportiert wurden. Er ver-schweigt die Vernichtung
um der Vernichtung willen, die auch dann nicht gestoppt wurde, als
die Waggons, die nach Auschwitz fuhren, eigentlich für den Nachschub
für die Front benötigt wurden. Und er verschweigt, dass
in Auschwitz Juden ermordet wurden, weil sie Juden waren. Überall
dort, wo in den Protokollen und Zei-tungsberichten, die dem Stück
zu Grunde liegen, das Wort »Jude« auftauchte, wurde es
von Weiss durch den Begriff »Verfolgter« ersetzt. Während
die nahezu zwei Millionen Juden, die in Auschwitz ermordet wurden,
somit als »Verfolgte« auftauchen, werden sowjetische Kriegsgefangene
oder polnische »politische« Häftlinge auch weiterhin
als solche bezeichnet. Das Stück ist insofern, wie James Edward
Young in seiner Untersu-chung »Beschreiben des Holocaust«
formulierte, »judenrein, wie der größte Teil Europas
nach dem Holo-caust«.
Die von Weiss präsentierte Dialektik von Verfolgern und Verfolgten
– das Absehen vom Antisemitismus, Ras-senwahn etc. – verführt
ihn schließlich zu einer Bemerkung, die an die klassischen deutschen
Entschuldungs-diskussionen erinnert. Er lässt einen Zeugen erklären,
was in keinem Protokoll des Auschwitz-Prozesses zu finden ist: »Viele
von denen, die dazu bestimmt wurden/ Häftlinge darzustellen/
waren aufgewachsen unter den selben Begriffen/ wie diejenigen/ die
in die Rolle der Bewacher gerieten/ Sie hatten sich eingesetzt für
die gleiche Nation/ und für den gleichen Aufschwung und Gewinn/
und wären sie nicht zum Häftling ernannt wor-den/ hätten
auch sie einen Bewacher abgeben können«.
»Täter gleich Opfer«
Diese Verwischung des Unterschieds zwischen Tätern und Opfern
wird von den Protagonisten der neuen deutschen Erinnerungskultur begeistert
aufgegriffen. Im vergangenen Jahr präsentierten das Dresdener
Staatsschauspiel und der Kreuzchor die »Ermittlung« erstmals
in einer besonderen Inszenierung. Während die Täter-Opfer-Nivellierung
bei Weiss eher am Rande auftaucht, wird sie von Holk Freytag, dem
Regisseur der Dresdener Inszenierung, in den Mittelpunkt des Stückes
gestellt. Die Rollenverteilung des Originals wird am Staatsschaupiel
aufgehoben; die Darsteller bilden auf der Bühne einen Chor aus
zwölf Personen, die als Einzelpersonen oder als eine Gruppe in
den Szenen heraustreten. Ihre Rollen wechseln im Stück: Zeugen,
d.h. frühere KZ-Häftlinge, werden von denselben Schauspielern
gespielt wie die Angeklagten, d.h. die Täter. Darüber hinaus
wird die »Ermittlung« – und damit zugleich Auschwitz
– in obszöner Weise in den Kontext der Bombardierung Dresdens
im Zweiten Weltkrieg gestellt. So hatte das Stück nicht nur am
13. Februar 2004, dem Jubiläum des Luftangriffs, Premiere und
wurde am 8. Februar 2004, aus Anlass einer Gedenkfeier für die
Zerstörung Dresdens, in einer Vorab-Präsentation aufgeführt.
Auch mit Hilfe der musikalischen Begleitung soll eine Linie von Dresden
nach Auschwitz gezogen werden – etwa wenn der Kreuzchor mit
Rudolf Mauersber-gers »Wie liegt die Stadt so wüst«
ein Lied vorträgt, das eigens für Dresden geschrieben wurde.
Das Stück erhält damit eine klare geschichtsrevisionistische
Ausrichtung. Wenn die Täter von den gleichen Schauspielern gespielt
werden wie die Opfer, werden die Unterschiede zwischen Tätern
und Opfern verwischt. Dabei wird, wie Gerhard Scheit bereits am Original
der »Ermittlung« kritisiert, bewusst ausgeblendet, »was
den einen zum Bewacher, den anderen zum Häftling macht; nicht
nur, dass der eine sich darin entscheiden konnte, ein Bewacher im
Vernichtungslager zu werden oder an die Front einzurücken (und
des weiteren darin, für die Wehrmacht zu kämpfen oder sich
zu verstümmeln, in der Wehrmacht zu bleiben oder zu desertieren),
sondern vor allem, dass der andere sich überhaupt nicht entscheiden
konnte, ob er zu den Verfolgten oder den Verfolgern zählen wollte«.
Ein Rezensent der Dresdener Inszenierung zieht in der Frankfurter
Rundschau folgerichtig – und affirmativ – das Fazit: »In
der Welt des Lagers gleichen sich nicht bloß Täter und
Opfer an, in einer Welt, die Auschwitz hervorbringt, kann jeder zum
Täter werden.« Wo alle Täter sind, ist jedoch nie-mand
Täter; die Verfolger, Arisierungsgewinner und Mörder, mit
einem Wort: die Deutschen, werden entlastet.
Mit dieser Einebnung des Unterschieds zwischen Tätern und Opfern
geben sich Freytag und Roderich Kreile, der musikalische Leiter der
Inszenierung, jedoch nicht zufrieden. So verweisen sie bei ihrem Versuch,
die Bombardierung Dresdens in den Kontext von Auschwitz zu stellen,
weder darauf, dass der Angriff vom 13. Februar den letzten Dresdener
Juden (sie sollten am 16. Februar deportiert werden) die Möglichkeit
zur Flucht bot. Noch stellen sie klar, dass die Deutschen, anstatt
ihre Führung abzusetzen, durch ihren Dienst in der Wehrmacht,
in der Rüstungs- und Versorgungsindustrie, bei der Deutschen
Bahn oder im Volkssturm bis zum 8. Mai 1945 dazu beitrugen, dass im
Rücken der Front Lager betrieben und Menschen ermordet werden
konn-ten – dass sämtliche Kampfhandlungen der Alliierten
also die Voraussetzung für die Befreiung weiterer Lager waren.
Anstatt diesen tatsächlichen Zusammenhang von Bombenkrieg und
totalem Durchhaltewillen der Deut-schen herauszuarbeiten, besteht
der Konnex für Kreile darin, dass Auschwitz und Dresden »das
gleiche Prin-zip« repräsentieren und demonstrieren, »was
Menschen konkret einander antun können« (O-Ton Kreile).
Der 13. Februar solle, wie eine Dresdener Tageszeitung Kreile im vergangenen
Jahr zitierte, zum Anlass genom-men werden, »der Toten zu gedenken,
die auf schreckliche Weise in den Kriegen umgekommen sind«;
er müsse ein »mahnender Gedenktag« sein, »der
sich gegen die Barbarei des Menschen dem Menschen ge-genüber
wende«. In der Dresdner Inszenierung der »Ermittlung«
verschwimmen damit nicht nur die Differen-zen zwischen Tätern
und Opfern, sondern auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Ereignissen.
Auschwitz wird zu Dresden, Dresden zu Auschwitz, die planmäßige
und fabrikmäßige Vernichtung von Men-schen (Auschwitz)
verwandelt sich in einen kriegsnotwendigen Militäreinsatz (Dresden).
Die zentrale Botschaft der Dresdener »Ermittlung« ist
damit identisch mit der Aussage, die ein NPD-Funktionär vor kurzem
im säch-sischen Landtag formulierte: Der Luftangriff auf Dresden
»war ein Bombenholocaust«.
Die »neue deutsche Erinnerungskultur«
Das Dresdener Staatsschauspiel bewegt sich damit voll und ganz im
Mainstream der neuen deutschen Erinne-rungskultur. Die klassische
Schuldabwehr, das von den Mitgliedern des Frankfurter Instituts für
Sozialfor-schung in den 50er und 60er Jahren beschriebene Leugnen
und Verschweigen, existiert seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Schuldabwehr
ist heute paradoxerweise im Bekenntnis zu Auschwitz bzw. im Verweis
auf den Holocaust zu finden. So begründet Deutschland inzwischen
nicht nur seine Kriegseinsätze mit einer besonde-ren politischen
Verantwortung »wegen Auschwitz« oder tritt dem Staat der
Überlebenden des Holocaust vor-mundschaftlich und mit moralisch
erhobenem Zeigefinger entgegen. Das neue Deutschland ist zugleich
be-müht, sich der ermordeten Juden noch einmal zu bemächtigen.
Stellvertretend für die gesamte deutsche Erin-nerungsbranche
wird in der Presseinformation zur Dresdner Inszenierung der »Ermittlung«
erklärt: Man wolle »im Gedenken an die Zerstörung
unserer Stadt die Toten des Holocaust endlich zu unseren Toten machen«.
In dieser großzügig vorgetragenen Bereitschaftserklärung,
nebenbei auch an diejenigen zu erinnern, die von den eigenen Vorfahren
verfolgt und ermordet wurden, wird der eigentliche Sinn der neuen
Erinnerungskultur angedeutet: das noch unverschämtere Reden über
»deutsches Leid« und »deutsche Opfer«.
Die damit verbundene Gleichsetzung der ermordeten Lagerhäftlinge
und der getöteten Volksgenossen ist nur möglich durch die
bereits beschriebene Entkontextualisierung von Auschwitz, der Bombardierung
Dresdens und des Vormarschs der Alliierten – d.h. durch den
Verzicht auf die Frage nach den Tätern und den Opfern. Die historischen
Bezugsrahmen der Ereignisse werden ausgeblendet und negiert; das Leid
der Juden wird auf eine Stufe mit dem Leid der Täter gestellt;
alles vergeht in einem barbarischen Jahrhundert, als dessen Sym-bole
Auschwitz und Dresden ausgemacht werden.
Der zentrale Bezugspunkt dieser Universalisierung des Leids der ermordeten
Juden ist – zumindest in Deutschland – die selbstbewusste
Nation. Auch hier macht sich der Gesinnungsdresdener Freytag unfreiwillig
zum Sprecher des erinnerungspolitischen Mainstreams: »Erst wenn
man sich seiner Geschichte stellt,« so er-klärt er in Hinblick
auf Auschwitz und Dresden, »die Toten seiner Geschichte wirklich
auf dem Friedhof der ei-genen Geschichte zulässt, kann man an
den Bau der Zukunft gehen.« Mit anderen Worten: Mit Auschwitz
im Rücken soll die Nation selbstbewusst zu neuen Aufgaben schreiten.
Antifaschistischer Arbeitskreis (AfA) Halle,
Februar 2005